Kalibrierung eines Säuglings – Lernen ohne Bewusstsein

Ich bin jetzt seit vier Wochen Vater. Und eines der Dinge die aktuell meine größte Faszination erzeugt, ist nicht einzelner Entwicklungsschritt – sondern ein unterliegendes Prinzip, das überall dahintersteht und auch in vielen anderen Disziplinen zu finden ist: Kalibrierung.

In den ersten Wochen passiert beim Baby noch nichts „bewusst“. Kein klares Ich, kein Verständnis von Außenwelt. Alles läuft über Instinkte. Und genau in dieser Phase wird die Grundlage der nötigsten Körperfunktionen gelegt – durch ständiges Kalibrieren. Die Hände finden sich, die Finger lernen greifen. Die Augen stimmen sich aufeinander ab, damit irgendwann ein klares Bild entsteht. Die Atmung schwankt – mal schnell, mal langsam – bis sich ein Rhythmus findet, der zur Situation passt. Nach dem Stillen ist der Magen zu voll, das Baby spuckt. Es ist, als würde der Körper permanent ausprobieren: Was funktioniert? Was nicht? In welche Richtung muss ich anpassen?

Diese ständige Kalibrierung funktioniert nur über Feedback. Ein bisschen wie bei der Parameterschätzung eines komplexen Modells in der Biomathematik: Versuch, Reaktion, Anpassung. Wieviel Parameter ein solches Modell wohl hätte? Wahrscheinlich würde über die Zeit dieses dynamische Modell immer weitere unschätzbare Parameter hinzubekommen. Bauchschmerzen helfen dem Darm, sich einzustellen, das Mikrobiom entsteht und passt seine Parameter für die Bakterienzusammensetzung an. Reize von außen formen das Immunsystem – irgendwo zwischen Überreaktion und zu wenig Reaktion wird das Optimum gefunden. Selbst das Schreien wird gelernt, verfeinert, angepasst – je nachdem, wie wir als Eltern reagieren.

Was für uns als Erwachsene selbstverständlich ist – sehen, greifen, atmen, verdauen – wurde alles einmal mühsam kalibriert. Und zwar auf genau die Umwelt, in der wir leben: unsere Luft, unsere Temperatur, unsere Bedingungen. Unglaublich wie Anpassungsfähig wir doch sind und wie sehr unsere Umwelt unsere Entwicklung auf allen Ebenen bestimmt. Dies spannt auch den Bogen zur eigenen Starrheit bzw. Flexibilität. Je jünger ein Mensch ist, desto mehr ist noch möglich. Die Parameter sind weit offen und noch nicht festgezurrt. Mit der Zeit werden sie stabiler, fester, pendeln sich ein – vielleicht auch starrer. Das wirft automatisch größere Fragen auf: Wie sehr können wir uns später noch verändern? Wie wichtig ist es, diese Flexibilität zu bewahren und was sind effektive Methoden dafür?

Wenn ich meinen Sohn anschaue, sehe ich kein „unfertiges“ Wesen. Ich sehe ein hochkomplexes System, das gerade dabei ist, sich selbst zu justieren. Schritt für Schritt. Feedback für Feedback. “Wahnsinn!”, denke ich, und schüttle mal wieder ungläubig den Kopf.


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