
Ich bin jetzt seit zwölf Wochen Vater. Die Herausforderungen sind vielfältig, mal lange wachbleiben, mal früher aufstehen, mal auf dem Gymnastikball, wippend, mit Rückschmerzen ein Einschlaflied trällern (meistens den alten Klassiker Freude schöner Götterfunken). Der Kleine entwickelt sich so rasend und fast täglich gibt es neues zu beobachten. Dies hat zur Folge, dass auch wir uns ständig anpassen müssen, immer flexibel auf einen neuen Essensplan einstellen oder an neue Schlafenszeiten gewöhnen. Darüber hinaus lernen wir Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen mit kurz- mittel- oder langfristigen Konsequenzen. Und mit der Zeit kommt immer mehr der Gedanke auf: Wer entwickelt sich hier eigentlich?
Der Kleine natürlich freilich, aber das ist sicherlich keine große Überraschung. Nicht nur im Verhalten, aber einfach bezogen auf Größe, Gewicht, Kopf- oder Körperform. Das steht in jedem Lehrbuch und variiert von Baby zu Baby natürlich stark, aber letztendlich geht es bei allen in eine Richtung. Und die Eltern? Die stehen, gerade bei der ersten Elternschaft, sicherlich vor der größten Herausforderung Ihres Lebens. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht, denken zu können, dass das nicht zu Entwicklungsschüben führen würde?
Entwicklung wird meistens durch Discomfort getriggert. Durch ein Verlassen der Komfortzone. Man findet Lösungen für neue, unbekannte Herausforderungen, die sich dadurch charakterisieren, dass die Problemlösungsstrategien, die vorher funktioniert haben nicht ohne weiteres angewendet werden können. Eine mehr oder weniger starke Anpassung ist notwendig und dies führt zu neuen Verbindungen im Hirn, Relationen zwischen Neuronen werden aufgebaut und verfestigen sich über die Zeit. Das Hirn erweitert sich mit jeder neuen Verbindungen. Und dies bedeutet Wachstum. Das Hirn wächst buchstäblich.
Für die meisten ist diese Herausforderung von grundlegend anderer Art als alles was vorher da war. Vorher ist oft die Ausbildung im Fokus, berufliche Vorsätze oder auch sportliche Ziele. In vielen Fällen jedenfalls hat die Herausforderung mit eigenen Ambitionen zu tun. Ziele, die einfach durch genug Arbeit erreicht werden können und nachher auch sehr erfüllend sein können. In diesem Fall jedoch hat man sehr viel grundlegende Arbeit, die am Anfang noch wenig Resonanz mit sich bringt. Windeln wechseln, beim Einschlafen helfen, auf dem Arm herumtragen, Füttern – all das sind Aufgaben die nicht besonders herausfordernd sind, aber durch die permanente Notwendigkeit sich einfach akkumulieren, das Durchhaltevermögen schulen und einen zwingt die Perspektive zu wechseln.
Das tue ich hiermit: Wer denkt, dass man sich weniger entwickelt, weil man weniger Zeit für sich hat, könnte einem Irrtum erliegen. Man entwickelt sich nicht augenscheinlich. Trust the process. Ich lerne nicht direkt einen neuen Skill wie in einem Surfcamp oder in einer Vorlesung zu nicht-relationalen Datenbanken. Viel besser: Man lernt den Metaskill Adaption in Reinform was dir kein Coaching beibringen kann. Man muss ständig neue Strategien entwickeln für verschiedenste Situationen die so in keinem Lehrbuch stehen. Alleine wenn er schreit versucht man durch Trial & Error ihn zu beruhigen. Das ist Kreativität. Man versucht verschiedene Sachen aus, die irgendwie von Kreativität zeugen. Mal ist es ihn möglichst sicher hinzulegen, dann ihn möglichst befriedigend auf den Bauch zu legen mit verschiedenen Spielzeugen, dann trickst man ihn aus, damit er das schreien aufhört oder man versucht ihn dazu zu bringen sein Kuscheltier (“Urso” den Bär) in die Hand zu nehmen. Dabei ist alles erlaubt was nicht schädigend für das Baby ist.
Neben Adaption wird man auch gelassener. Man muss es sein. Man hat gar nicht die Energie sich auf alles zu fokusieren oder sich von Kleinstigkeiten beunruhigen zu lassen. Trust the process. Es wird schon werden. Die eigene Überlebensstrategie ist: Man muss gelassener sein, sonst ist man maximal gestresst, bekommt graue Haare und bald einen Herzinfarkt (zumindest ist es damit wahrscheinlicher).
Diese Qualitäten werden sich natürlich früher oder später auch in anderen Lebensbereichen niederschlagen. Für mich bedeutete Leben Entwicklung. Und möglicherweise finde ich gerade die größte Quelle für Entwicklung auf einem Weg, den ich so nicht vorhersehen konnte und den ich aus ganz anderen Gründen eingeschlagen habe. Leben ist Entwicklung. Sich ent-wickeln von seinen Grenzen. So wie unser Sohn sich jetzt schon entwickelt, bis zu dem Tag an dem wir die letzte Windel wechseln, ihn zum letzten Mal ent-wickeln, bis er das vollständig selbst tut.
Interessant auch, dass es meines Wissens nach das Verb “wickeln” beispielsweise nicht im englischen (change the diaper) oder portugiesischen (mudar a fralda) gibt. Dort sagt man “die Windel wechseln” zu wickeln. Assoziieren nur wir Deutschen Entwicklung so sehr mit dem Abschied von der Windel? Cheers.
